Ein Gemeinschaftstraktor und der Fall des verrückten Papageien.
VI.- Wir leiden als Frauen … Männer … Frauen … Männer, die wir sind (oh, nun ja).
(Sieben verstreute Betrachtungen)
Intimbereich.
Da ist ein Heilpflanzen-Kurs. Die Mehrheit der Teilnehmenden sind Frauen, aber auch einige (wenige) Männer. In der Pause bestimmen die Frauen, da sie mehrheitlich sind, Thema und Schwerpunkt der Unterhaltung. Sie sind gerade dabei, »die Nachrichten«, die ihnen aus ihren Dörfern geschickt werden, zu checken. In den Altos de Chiapas wurde eine indigene Frau, eine Hermana Partidista [Schwester Partei-Anhängerin] gefangengesetzt, weil sie ihren Ehemann tötete. »Sie wird rauskommen«, meint eine Compañera, »denn sie hat sich selbstverteidigt.« Da sie hier unterschiedliche Muttersprachen haben, bildet castilla [spanisch] ihre Brücken-Sprache. »Ja«, fügt eine andere hinzu: »Die städtischen Frauen-Kollektive haben sie unterstützt.« Eine weitere Compañera gibt mehr Details: »Ihr Ehemann hat sie misshandelt, er prügelte und beschimpfte sie auf unglaubliche Weise. Und die Frau hielt stand und sagte nichts. Eines Tages folgt sie ihrem Mann und entdeckt, er hat eine andere Frau, mit der er sich betrinkt. Die Hermana Partidista entscheidet sich, ihn sofort zu verlassen. Der verfluchte Ehemann [jedoch] kommt nach Hause, so besoffen, dass er kaum stehen kann. Er will sie schlagen, aber die Hermana verteidigt sich und schneidet ihm seinen »yat« ab; nun, er ist verblutet.«
»Als Frauen, die wir sind« kommt jetzt so was wie Feierstimmung auf; da ist kein Bedauern oder Klagen über den Toten. Die Compañera hatte ihre Muttersprache verwendet, als sie sich auf den Körperbereich, wo der Mann verletzt wurde, bezog. Alle lachen komplizinnenhaft. Ein junger Mann, mit anderer Maya-Muttersprache, fragt, was »yat« bedeutet. Alle erröten und lächeln. Eine Compañera erklärt: »So nennen sie in meiner Sprache den Intimbereich der Männer. Na, seinen »Wie-auch-immer-es-heißt«, wie der Capitán dazu sagt.« »Nun, seinen Penis, mit den Testikeln. Das heißt, sie hat ihm mit einem Male alles abgetrennt«, konkretisiert die Älteste, die darauf besteht, dass die wissenschaftlichen Bezeichnungen benutzt werden müssen. Der junge Mann, etwas blass geworden, fragt: »Wie heißt denn das Dorf? Nicht dass ich mir meine Frau dort noch suche.« Eine andere Compañera, ihr Handy ergreifend, gibt von sich: »Sofort werde ich meinen Mann anrufen, und wenn er nicht antwortet, weiß er ja, was ihm passieren kann.« Sie lachen.
Bei der Rückkehr zum Quartier (der junge Mann ist Insurgente) erzählt er der Insurgenta, die ihn begleitet: »Heijajeih, die Compañera war noch nicht einmal beschämt, Klipp und klar sprach sie von diesem Teil, den sie dem armen Mann abgeschnitten haben.« Die Insurgenta wurde wütend: »Warum »armer [Mann]«, obwohl er seine Frau schlug und sie einmal beinahe umbrachte? Ich meine, es hat sogar lange auf sich warten lassen.«
Anderntags tadeln andere Frauen, immer in ihrer Sprache, die Compañera, die den Begriff für den Intimbereich der Männer verwendet hatte. Sie sagten ihr, so könne sie vor Männern nicht sprechen. Sie fangen an zu diskutieren: Müssen sie sich absondern, um als Frauen, die sie sind, zu sprechen; müssen sie sich verbergen? Letztendlich entscheiden sie: Ja, es wird frei gesprochen, ob Männer anwesend sind oder nicht. »Besser noch mit Männern«, meint eine, »so werden sie lernen.« »Oder zumindest gehen sie dann mit Vorsicht ihren Dummheiten nach«, bringt eine andere es auf den Punkt.
Thema des Tages war: »Heilpflanzen bei Menstruationsschmerzen«. Der junge Mann machte während des gesamten Kurses detaillierte Aufzeichnungen.
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Brennholz.
Eine der Männer beschwert sich unter lauter Männern, seine Frau fordere von ihm »solides Brennholz«. »Ich bin wütend geworden, und habe ihr gesagt: Das ist, was es gibt, und damit müsse sie klarkommen.« »Was für Brennholz hast du denn gebracht«, wird er gefragt. Nun gibt es Übersetzungen in bis zu fünf Maya-Sprachen, bis sie zum castilla gelangen. Sie nennen es: »Kork« oder »Balsaholz [Floß-Holz]«.
Ein anderer interveniert: »Nun ja, ohne dich beleidigen zu wollen, Compa, aber du bist echt doof, und deine Compañera hat recht. Denn dieses Holz qualmt fürchterlich, und die arme Frau wird lungenkrank, außerdem wird sie vor lauter Rauch nichts sehen können. Wenn sie ein kleines Kind hat, um so schlimmer, auch für das Kind. Sei kein Hagestolz und sammele ihr das Brennholz, wie sie sagt. Es kommt ihr zu Gute und dir zu Gute, denn ihr werdet später nichts für Arznei ausgeben müssen. Und uns kommt es auch zu Gute, denn so müssen wir nicht deine Dummheiten anhören, Compa, ohne dich beleidigen zu wollen.«
Grabesschweigen setzte der Versammlung »Als kleine Machos, die wir sind« ein Ende. Der SubMoy ruft sie, um die Vermessung der Einzelfelder zu besprechen.
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Tanz.
Eine junge Frau verletzt sich mit der Machete die Hand beim Roden. Sie will nichts sagen, denn sie schämt sich, dass bekannt werden könnte, sie habe sich selbst verletzt. Sie bindet sich ihr Paliacate, das rote Halstuch, fest [um die Hand], damit die Blutung aufhört. Ihre Compañera der »Linie« (sie wurden in einer »ausschwärmenden Linien-Formation« aufgestellt, um buschiges Unterholz zu roden) bemerkt es jedoch und informiert diejenige vom Comité, die auf sie aufpasst. Schnell haben sie ein Auto, um die Compañera zum Sanitätsdienst des nächsten Caracol zu bringen. Sie kommt dort an: Checken der Vitalfunktionen, sie wird hingelegt und überwacht. Der Gesundheitspromotor schlägt sich damit herum, das Paliacate zu entknoten. »Wie hast du das gebunden, Compañera, es ist dermaßen fest geknotet.« Er ist drauf und dran, auf eine Schere zurückzugreifen, als die Gesundheitspromotorin interveniert, und ruckzuck! mit einer Bewegung löst sie den Knoten. Daraufhin: Säuberung der Wunde, desinfizieren, lokale Betäubung, und nun zum Nähen. »Wir machen vier Stiche. Danach wird es gut sein, nur solltest du einige Tage diese Hand nicht gebrauchen«, beurteilt der Promotor. »Kann ich tanzen?«, fragt die Patientin. Der Promotor sagt nichts, er schüttelt nur den Kopf mit einem Gesichtsausdruck von: »Es ist einfach nicht zu glauben«. Die Promotorin jedoch fragt die Patientin zurück: »Wann ist denn der Tanz?«, und sie beginnen beide in ihrer Sprache miteinander zu tuscheln. Lediglich »Promotor«, »Miliciano« und »Insurgente« ist zu verstehen. Der Promotor verstaut die medizinische Ausrüstung.
Sie zeigten dem Capitán das Video. Er bemerkte lediglich: »Sie haben eine Naht à la Frankenstein – Bad Ass gemacht, es wird eine Narbe zurückbleiben, um angeben … oder drohen [zu können]. Später meinte er zu der verletzten Compañera: »Sag, du hast dich mit einem Scheißkerl, der dich mit Gewalt ergreifen wollte, geschlagen. Ihr habt die Macheten ausgepackt und der Kampf ging los. Du kamst mit dieser Wunde an der Hand davon, aber der kleine Macho ist bereits kein Macho mehr, und er wird niemals Kinder haben.« Der Capitán denkt noch einmal über die Wirkung dieser Geschichte nach und ergänzt: »Aber das erzählst du nicht allen, denn wenn du das dem erzählst, der dir gefällt, nun, wie soll ich‘s sagen, wird er rennen, wie niemals zuvor in seinem Leben.«
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Dornen.
»Ich sah, die Compañera hinkt, sie läuft wie eine Lahme. Schnell habe ich sie gefragt, und sie antwortete, es sei von einem Dorn«, informiert der Monarca. Der Befehlsgebende: »War sie in der Klinik?« »Nein, ihre Compañeros haben ihr den Dorn entfernt.« »Sieh zu und bring sie persönlich in die Klinik, damit sie sie dort untersuchen. Und sag ihr, sie soll nicht mit Flip-Flops beim Roden herumlaufen.« Der Monarca kommt zurück und berichtet: »Sie hatten ihr zwar einen Dorn herausgezogen, jedoch verblieb da noch ein weiterer, das heißt, sie hatte zwei [im Fuß]. [In der Klinik] ist er ihr nun entfernt worden und sie wurde versorgt. Sie hatte Gummistiefel getragen, aber diese Dornen sind hammerhart. Natürlich kenne ich diesen Dorn, so lang ist er (er zeigt mit der Hand ungefähr 20-25 cm an), sogar durch die Stiefel, die wir tragen, kommt er durch, wie ein Nagel, du blutest, und wenn du dich infizierst, dann war’s das.« »Und wie geht es der Compañera?« »Sie ist ein wenig traurig, weil sie nicht Cumbia tanzen kann.«
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Mathematik und Liebe.
Sie überprüfen die Maße im Plan. »Da ist jetzt bereits eine große Fläche gesäubert, ohne Wurzelwerk, Dornen und Wespen. Ich denke, jetzt muss geguckt werden, wie viele Einzelfelder auf jeder Seite hineingehen, damit wir sie markieren können.« Der SubMoy ordnet an: »Holt die Jugendlichen der Secundaria herbei, damit sie berechnen. Die Bildungsbeauftragten gehen zu den Jugendlichen und erklären [ihnen, worum es geht]. Diese meinen: »Aber wir brauchen Rechenmaschinen.« Sie werden bespöttelt. »Oder Notizheft.« Noch mehr Spott. »Im Kopf«, wird ihnen gesagt, »wenn ihr nicht umsonst gelernt habt.« Ihnen wird ein Stift gegeben. Sie versuchen, mit den Fingern zu rechnen, doch ihre Hände sind voller Blasen. Das Lachen ist bis zum Nachbar-Dorf zu hören. Eine Jugendliche, kokett lächelnd und alle anderen ignorierend, nähert sich und sagt zu einem der Bildungspromotoren: »Mein Handy hat einen Taschenrechner.« »Bring es her«, meinen die vom Comité zu ihr. Die Jugendliche läuft los und kommt mit ihrem Handy zurück. Alle Hände der Comité-Mitglieder bleiben in der Luft ausgebreitet. Jedoch so als ob sonst niemand da wäre, übergibt die junge Frau ihr Handy dem Promotor – der eine Verkehrsampel zu sein scheint, da er ständig im Gesicht die Farbe wechselt. Die Jugendliche sagt lediglich: »Gibst du mir dann später zurück«, und mit funkelnden Augen ergänzt sie: »Da sind auch meine Fotos drauf.« Dem armen Bildungsbeauftragten haben die vom Comité alles mögliche gesagt, ich glaube, sie haben ihm sogar Ratschläge gegeben. Natürlich hat er falsche Berechnungen angestellt. Da ist nichts zu machen, so leiden wir als Männer, die wir sind.
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Fehlendes Stück.
Trotz der brennenden, unerbittlichen Sonne kühlen die Abende und Nächte mit dem jetzigen Regen ab. Als ob der Himmel sich mit der Erde verbündet, um ihr Kräfte zu geben, die Hitze des nächsten Tages zu überstehen, hier … auf dem Feld des Gemeinschaftlichen. Auf dessen Vorfeld – wo sich Zeltplanen ausbreiten und kleine Hütten verstreut liegen – wird geschlafen oder gewacht, jedoch nicht in Stille. Aus den Häuschen und unter den Planen hervor – die als Bedachung angebracht sind, um tagsüber gegen die Sonne und nachts gegen den Regen zu schützen – ist Musik zu hören. Die Wachen lösen sich nur mit einigen wenigen Zeichen ab. Und sie lächeln beim Hören der Musik-Playlist, welche mit der trotzigen Beharrlichkeit der Grillen kollidiert – sowie den Kröten und Fröschen, die nach und nach sich an den ersten Pfützen sammeln.
Unter der Bedachung schnarchen hemmungslos die Alten, die mit Urteilsvermögen. Die Kinder drängen sich an die Körper ihre Mütter oder Schwestern. Ein Baby schreit nur wenige Sekunden, dank des Tröstens seiner Mamas.
Unter den Bedachungen der Jugendlichen jedoch gibt es weder Stille noch wird geschlafen. Daran schuld ist die Erinnerung an den*diejenigen, der*die fehlt. Eine*r – ein körperliches Leuchten – Frau, Mann, AnderEr-Otroa – ist weit entfernt von hier. Diese*r Eine* blieb im kleinen Dorf, in einer Holzhütte zurück, mit einem Stück des*derjenigen, welcher*welche jetzt an ihn*sie denkt – und leidet unter unvollständigem Herzen, ziellosem Blick, einem geflüsterten, abgebrochenen Wort. Jedes Lied der Liebe oder des Entliebens, das Handy und Bluetooth-Box widergeben, jeder vergebliche Versuch endlich einzuschlafen – ist eine kleine Hommage an den fehlenden Teil, an vermisste Zärtlichkeit, an die Wunde, welche Liebe oder Entlieben zelebrieren.
Denn es gibt Umarmungen, die nie enden – und ein Leuchten, das noch nicht einmal in der Nacht erlischt.
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Das, was nicht gesehen wird.
Ein Mädchen von zwölf Jahren spricht mit dem SubMoy:
»Du bist mit uns hier am arbeiten«, sagt sie zu ihm.
»Ja, bin ich«, erwidert der SubMoy.
»Ich hatte es so verstanden, dass die Subs nicht arbeiten«, insistiert das Mädchen.
Der SubMoy: »Die Arbeit ist nicht immer zu sehen. Und besteht nicht nur darin, das Land zu bearbeiten. Es ist mehr; die wichtigste Arbeit wird nicht bemerkt. Es ist ja nicht so, dass alle dich sehen, wenn du am arbeiten bist. Somit, wenn du nicht eine*n an deiner Seite arbeiten siehst, bedeutet dies nicht, dass er*sie nicht arbeitet oder gearbeitet hat. Nur du siehst es nicht, du siehst und spürst aber seine Arbeit, auch wenn niemand Buch darüber führt. Kanntest du den SubPedro? Wirklich nicht? Nun gut, wenn wir das Land wiedergewonnen haben, wenn wir hier sind, wenn du hier bist, wenn wir nun für das Leben kämpfen – dann ist es deshalb, weil er seine Arbeit gemacht hat: für die Pueblos zu kämpfen. Arbeite du, auch wenn sie dich nicht sehen. Kämpfe, auch wenn niemand dich im Auge behält.«
(Fortsetzung folgt …)
Aus den Bergen des Südosten Mexikos.

Der Capitán.
Aufnahmen: Terci@s Compas Zapatistas
Musik »Te quiero tanto – Ich liebe dich so sehr« von Alejandro Filio
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