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Palabra del Ejército Zapatista de Liberación Nacional

Mar022016

Die Künste, die Wissenschaften, die Pueblos originarios (1) und die Kellergeschosse der Welt

Ejército Zapatista de Liberación Nacional.

Mexiko.

Februar 2016.

Für Juan Villoro Ruiz.

Bruder, es freut mich, dass es dem Rest der ‘Familie unter Protest’ gut geht, und wir bedanken uns dafür, dass du der Bote warst, der unsere Grüße und Geschenke an sie überbrachte (obwohl ich immer noch denke, dass Krawatten, Aschenbecher oder Blumenvasen die bessere Option gewesen wären).

In dem Moment, wo ich versuchte, weiterzuschreiben, erinnerte ich mich an deinen Text, „Rede über den Regen“ („Conferencia sobre la lluvia“, editorial Almadía, 2013), der, wie ich glaube, für das Theater geschrieben wurde. Ich las ihn und stellte mir – sicherlich ungeschickt – das Bühnenbild vor und die Gebärden und Bewegungen desjenigen, der den Monolog spricht, und empfand seine Fragen eher als eine erhaltene Antwort. Sein Anfang stellt eine Synthese meines Lebens dar, beispielsweise. In der ersten Zeile: das lakonische – „Ich verlor die Papiere!“. Es füllt eine Enzyklopädie an, wenn ich die ständigen Fehlleistungen, die ich gewesen bin, an Zeiten und Orten festmache.

Immer wieder gehen mir, nach dem Eröffnungsgruß in einem Brief, die Ideen verlustig („die Tonne“ (2), wie die Compas sagen, wenn sie sich auf die Tonart eines Liedes beziehen). Ich will damit sagen, ich verliere den konkreten Zweck des Briefes. Sicherlich könnte die Aufklärung darüber, wer der Briefempfänger ist, helfen. Nicht selten ist jedoch der Adressat ein Bruder, von dem man nicht notwendigerweise eine Antwort, sondern immer einen Gedanken, einen Zweifel, ein Infrage stellen provozieren will, – das jedoch nicht paralysieren, sondern zu weiteren Gedanken, Zweifeln, Fragen und Eceteras anregen will.

Dann sprudeln Worte – so wie es vielleicht dem Bibliothekar-Redner, dem Buch-Protagonisten, erging – die sich nicht vorsätzlich suchen, sondern (einfach) da sind – lauernd, wartend auf eine Unachtsamkeit, auf einen Riss im Alltäglichen, um das Papier, den Bildschirm oder dieses zerknitterte Blatt („Verdammt-noch-mal-wo-habe-ich-es-gelassen?-Ah-das-ist-es-ja!-Wann-habe-ich-denn-diesen-Blödsinn-geschrieben?“) zu überfallen. Die Worte hören dann auf, Abwehr und Barrikade, Lanze und Schwert zu sein; sie verwandeln sich – sehr zu unserem Leidwesen – in einen Spiegel, der einen enthüllt und schlaflos, wachsam macht.

Klar, der Bibliothekar kann sich den mit Regalen flankierten Gängen zuwenden, ihrer nach Alphabet und Nummern sortierten Anordnung, die aus Zeiten und Orten die Landkarte eines literarischen Schatzes zeichnen. Der Bibliothekar kann das „V“ von „Vergessen“ suchen und sehen, ob er das, was er verlor, dort findet. Aber hier, in diesem permanent Orte wechseln, ist die Idee von einer – wenn auch minimalen und tragbaren – Bibliothek ein Hirngespinst. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe die elektronischen Bücher mit unbegründeten Hoffnungen betrachtet (denn auf einen USB-Stick, einen Pendrive, einen externen Speicher könnte ich zwar nicht die Bibliothek von Luis Borges, jedoch wenigstens ein Minimum laden, unter anderen: Cervantes, Neruda, Tomás Segovia, Le Carré, Conan Doyle, Miguel Hernández, Shakespeare, Rulfo, Joyce, Malú Huacuja, Eduardo Galeano, Alcira Élida Scoust Scaffo, Alighieri, Eluard, León Portilla und den Wort-Zauberer: García Lorca).

Aber daraus wird nichts. Denn wenn der Bibliothekar seine Papiere verlieren kann, so verliere ich die USB-Sticks – wo auch immer sie herum fliegen mögen.

Du wirst es nicht glauben, denn einer hat so seine verschämten Phantasien. In den USB-Sticks mit den gespeicherten elektronischen Büchern würde ich eine Vermischung der Autoren pflegen, daran denkend, falls ich die Sticks verlieren würde, wären sie weiterhin zusammen, und vielleicht, ich weiß es nicht – denn die Belletristik ist das Genre des Unmöglichen, das sich in Literatur konkretisiert – könnten sie sich dann unter einander austauschen.

„Die Literatur ist ein Ort, an dem es regnet“, lässt du den unglücklichen Redner sagen, der gezwungen ist, sich nackt zu machen – ohne seine Notizen, die ihn kleiden würden – um sich so zu zeigen, wie er ist: verletzlich.

Dann stell’ dir mal einen USB-Stick mit diesen oder jenen Wort-Künstlern vor. Stell’ dir vor, es fängt an zu regnen. Stell’ dir vor, sie reden unter sich, während sie zu verhindern suchen, dass ein Tropfen den binären Code, in dem sie leben, ruiniert. Die Missverständnisse würden beginnen: 0-1-0-Regenfleck-1-Wasserklecks-0-0-Wasserklecks-1, oder was auch immer. Es begänne: „Was unterstehen Sie sich!“, und von einer Seite zur anderen flögen: „Fuck you!“ und: „Ich verpass’ dir gleich eine Maulschelle!“, „Das ist absoluter Schwachsinn!“, „Zur Hölle damit!“, „Vous êtes fou, vollkommen plemplem!“, „Das ist für’n Arsch!“ Währenddessen würde Alcira seine „Poesie in Waffen“ als Kopien verteilen, was, wie ich glaube, die kriegerischen Gemüter nicht besänftigen würde. Letztendlich wären alle glücklichen Erwartungen ruiniert… durch den Regen.

Klar, mutatis mutandi (3), in deiner Literatur bildet eine Katze die spärliche Zuhörerschaft des Redners, und hier ist es ein Gato-Perro, ein Katze-Hund, mit seiner Lucezita, seinem Lichtchen, die durch das, was ich schreibe, genauso verwirrt werden. Als wären nicht schon an sich eine Katze-die-Hund-ist-der-Katze-ist-die-Hund-ist und ein Lichtchen, das sich im Schatten zusammen kauert, verwirrend.

Schweife ich ab? Sicherlich. Schließlich ist dieser unmögliche Austausch innerhalb eines USB-Sticks, der darauf vertraut, dass der Regen das Gespräch nicht ruinieren kann, nichts als eine Phantasie.

Jedoch wenn für den Redner das Thema der Regen ist, so ist es für diesen Brief… der Sturm.

Erlaube mir nun, dass ich diese Zeilen nutze, um unseren Gedankenaustausch über die komplexe Krise, die sich – nach den einen – nähert, oder – nach anderen – sich bereits eingestellt hat, fortzusetzen.

Jemand hat in etwa gesagt: Unsere Sichtweise (im Buch „Das kritische Denken im Angesicht der kapitalistischen Hydra. Beiträge der Comisión Sexta des EZLN“ jetzt als Typographie gestaltet (4)) sei apokalyptisch und näher an Robert Kirkman und seinen „The Walking Dead“ (Comic und Fernsehserie, die durch ihn inspiriert sind, oder auch nicht) als an Milton und Rose Friedman und ihrer „Freiheit zu wählen“ (Buch und Wirtschaftspolitiken, die darin ihr Alibi finden). Wir irrten uns, weil wir nicht orthodox wären; oder: Wir irrten uns, weil wir zu orthodox wären. Nichts würde geschehen, jeden Morgen beim Aufstehen würde das Notwendige zum Frühstücken da sein und der Nachbarhund würde weiterhin das Müllauto anbellen, beim Öffnen des Hahns am Waschbecken käme Wasser heraus und nicht ein Geräusch aus dem Jenseits. Wir seien lediglich Unheil verkündende schräge Vögel, die keinerlei medialen oder akademischen Impakt (beides wird ja immer mehr zum Gleichen) mehr auslösten.

Letztendlich: Die Maschine funktioniere, und jeder befände sich an der Stelle, wo er sein sollte.

Die Erschütterungen seien sporadisch, und nur Erschütterungen, die Turbulenzen vorübergehend und dem geschuldet, dass einer sich widersetze, dort zu sein, wo er sein sollte. Wie eine Uhr kaputt gehe, wenn ein Rädchen oder eine Feder ihren angestammten Platz verlasse; der Staat sei der „Uhrmacher“, der das kaputte Teil heraus nähme und durch ein anderes ersetze.

Die Apokalypse (alles im Preis eingeschlossen)? Die universale Sintflut? Die Menschheit als Gefangene im anscheinend ewigen und unendlich weiter fahrenden Zug des „Snowpiercer“ (Film des Südkoreaners Bong Joon-ho, die mir als DVD aus „alternativer Produktion“ zu kam, und den ich jetzt nicht finde)? Innerhalb dessen die gleiche Unmenschlichkeit reproduziert wird, die aus der Einfrierung des Planeten erfolgt, um damit das Problem der Erderwärmung lösen zu wollen?

Nichts liegt von unserem Denken weiter entfernt. Wir, Zapatistinnen und Zapatisten, glauben nicht, dass die Welt untergehen wird. Ja, wir denken, dass das, was wir gegenwärtig kennen, zusammen brechen und seine Implosion eine große Anzahl an menschlichen und naturalen Unglücken verursachen wird.

Ob diese Implosion bereits im Gange ist, oder ihre Dauer und ihr Ende (noch) zu bestimmen ist, darüber kann man debattieren; man kann argumentieren, infrage stellen, bestätigen oder verneinen. Aber so weit wir wissen, gibt es keinen Menschen, der es wagen würde, diese Implosion zu negieren. Alle dort oben akzeptieren, dass die Maschine versagt, und testen eine und tausende von Lösungen – immer innerhalb der Logik der Maschine. Aber es gibt welche, die wollen mit dieser Logik brechen und versichern: Die Menschheit ist möglich – ohne diese Maschine.

Zweifellos, so wie wir sind, beschäftigt uns der Sturm nicht all zu sehr. Nach all dem waren es – für die Pueblos originarios und und die Besitzlosen Mexikos und der Welt – Jahrhunderte von Stürmen: Wenn man irgendwas unten lernt, dann ist es, unter widrigen Umständen zu leben. Das Leben, und in seltenen Fällen der Tod, ist ein kontinuierliches Kämpfen, eine Schlacht, die in allen Winkeln, zu allen Zeiten und an allen Orten statt findet. Und ich spreche hier nicht von den weltweiten, sondern von den persönlichen Kämpfen.

Wie man aus der aufmerksamen Lektüre unserer Worte schließen kann, geht unsere Botschaft über den Sturm und seine durch ihn erzeugten Schmerzen hinaus.

Wir glauben, dass die Möglichkeit einer besseren Welt (nicht perfekt, und nicht vollendet, denn das überlassen wir den religiösen und politischen Dogmen) sich außerhalb der Maschine befindet. Ihre Möglichkeit stützt sich auf drei Beine, oder besser ausgedrückt, auf die gegenseitigen Beziehungen zwischen drei Bereichen, die in ihrem Auf und Nieder, den kleinen Siegen und großen Niederlagen innerhalb der kurzen Geschichte der Welt, überlebt und ausgeharrt haben: die Künste (hierbei ausgenommen die Literatur), die Wissenschaften und die Pueblos originarios mit den (anderen) Kellergeschossen der Menschheit.

Vielleicht fragst du dich – ein wenig aus Neugier, viel mehr jedoch wegen der direkten Anfrage an dich – warum ich die Literatur ausnehme. Erlaube mir, dass ich das weiter unten ausführe.

Du wirst bemerkt haben, dass ich die Klassiker vernachlässige, und die Politik nicht als einen der Rettungswege bezeichnet habe. Uns ein wenig kennend (trotz allem und obwohl wir nicht im Innenteil der Zeitungsmedien erscheinen, gibt es jedoch eine eigene und reichhaltige Bibliographie für denjenigen, der ein aufrichtiges Interesse daran hat, zu wissen, von was der Zapatismus ausgeht) wird klar, dass wir uns damit auf die klassische Politik, auf die Politik „von oben“ beziehen.

Hör’ mal, Juan, Bruder, ich weiß, dass das genügend Stoff ist, der über einen nächsten Brief hinausgeht und für eine Bibliothek reicht, in der wir uns ja bereits befinden. Erlaube mir deshalb, dass ich das in der Schwebe lasse. Nicht weil es im Sturm weniger wichtig oder bedeutsam wäre, sondern weil ich bereits „Weg fasste“, wie die Compas sagen, und wenn ich irgendeiner der Abzweigungen, zu denen mich die Worte verlocken, folge, besteht die Gefahr, dass dich dieser Brief nie erreicht, nicht wegen dem Regen, sondern weil er kein Ende findet.

Ich habe „die Künste“ benannt, weil sie es sind (und nicht die „Politik“), die im Tiefsten des Menschen graben und seine Essenz, sein Wesen zu Tage befördern. Als ob die Welt die gleiche bliebe, jedoch mit ihnen und durch sie können wir – unter dem Lärm der mit schlechter Laune quietschenden Rädchen, Schrauben und Triebfedern – die menschliche Möglichkeit finden. Im Unterschied zur Politik versucht die Kunst nicht, die Maschine zu justieren oder in Ordnung zu bringen. Sie macht stattdessen etwas viel Subversiveres und Beunruhigenderes: Sie zeigt die Möglichkeit einer anderen Welt.

Ich habe „die Wissenschaften“ aufgeführt (und ich beziehe mich hier besonders auf die so genannten „Formalwissenschaften“ und „Naturwissenschaften“, in Erwägung, dass die Sozialwissenschaften noch einige Dinge zu definieren haben. Obacht: dies impliziert keine Aufforderung oder Forderung), weil sie die Möglichkeit haben auf dem Boden der Katastrophe, die bereits weltweit „operiert“, zu rekonstruieren. Und ich spreche nicht von „rekonstruieren“ im Sinne von, das bereits Fehlgegangene, Zerstörte wieder aufzunehmen und neu aufzurüsten, in der gleichen oder ähnlichen Version wie vor dem Unglück. Ich spreche von „wieder (gut) machen“ (5), das heißt, „von neuem, nochmals machen“. Und die wissenschaftlichen Wissen können der Verzweiflung (desesperación) einen Boden geben, „reorientieren“, und ihr ihren wirklichen Sinn geben: „nicht mehr zu warten (esperar)“. Wer nicht mehr wartet, kann anfangen zu handeln.

Die Politik, die Ökonomie, die Religion spalten, teilen auf, trennen. Die Wissenschaften und die Künste einen, verschwistern, verwandeln die Grenzen in lächerliche Markierungen der Landkarte. Jedoch, eines gewiss, weder die einen noch die anderen sind von der grausamen Spaltung der Klassen befreit. Sie haben zu wählen: Beitragen zur Erhaltung und Reproduktion der Maschine oder Aufzeigen ihrer notwendigen Abschaffung.

Anstatt die Maschine neu zu etikettieren, zu verschönern, zu verfeinern, werden Wissenschaft und Kunst auf der verchromten Oberfläche des Systems ein lakonisches und eindeutiges Schild anbringen: „HINFÄLLIG“, „ZEIT ABGELAUFEN“, „ZUM WEITERLEBEN BITTE EINER ANDEREN WELT ÜBERGEBEN“.

Stell’ dir vor („Imagine“: deine Generation müsste etwas von John Lennon haben, die meinige kommt ja eher vom Son und Huapango). Stell’ dir also vor, dass all das Geld, was für Politik ausgegeben wird (beispielsweise für Parlaments- oder Kriegswahlen; beide sind jedoch gleich anti-demokratisch: „Die Politik und die Wirtschaft sind die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“, müsste Clausewitz gesagt haben, wenn er von den Sozialwissenschaften ausgegangen wäre), den Wissenschaften und Künsten zu gute käme. Dass anstatt der Wahlkampagnen und Kriegskampagnen Laboratorien, Zentren der Forschung, der wissenschaftlichen Verbreitung, Konzerte, Ausstellungen, Festivals, Buchläden, Bibliotheken, Theater, Kino existierten, es Land und Straßen gäbe, wo die Wissenschaften und Künste und nicht die Maschine regieren würden.

Klar, wir Zapatistinnen und Zapatisten sind davon überzeugt, dass das nur möglich ist, außerhalb der Maschine. Und man die Maschine zerstören muss. Nicht justieren, nicht anstreichen, nicht sie „humaner“ machen. Nein, sie zerstören. Wenn etwas von ihren Resten dienlich sein sollte, dann als ein Beweis dafür, dass man diesen Albtraum nicht wiederholen muss. Lediglich wie eine Referenz darauf, in den „Rückspiegel“ zu schauen, während man den Weg hinter sich lässt.

Aber wir zweifeln nicht daran, dass es nicht doch jemanden gibt, der denkt und glaubt, es sei innerhalb der Maschine, ohne ihren Betriebsablauf zu verändern, machbar: Indem der Maschinist ausgewechselt wird oder danach gesehen wird, dass die prunkvollsten Wagons ihren Reichtum ausstreuen, damit etwas (nicht viel, man darf es nicht übertreiben) die hinteren Wagons erreicht. Klar, immer betonend, dass jeder an dem Platz sei, wo er sein sollte. Die Arglosigkeit, Bruder, pflegt jedoch eine der Verkleidungen der Perversität zu sein.

Nun gut, ich habe vorher die Pueblos originarios und die Kellergeschosse der Welt erwähnt. Nun, weil sie diejenigen sind, die die größte Chance haben, den Sturm zu überleben, und die einzigen mit der Fähigkeit, eine „andere Sache“ zu schaffen. Jemand muss morgen eine Antwort geben auf die Frage: „Gibt es jemanden auf dieser Erde?“ Und hier zeigt das Wort, nicht ohne provozierende Koketterie, eine weitere Abzweigung auf, die ich – mit meiner bekannten Zurückhaltung – zum Wohle dieses Briefes vermeide.

Ich habe zuvor – verschmitzt und streitlustig – geschrieben: „Die Künste, ausgenommen die Literatur“. Nun gut, weil ich glaube (und das ist persönlich), dass es die Aufgabe der Literatur ist, die Verbindungen zwischen den drei oben genannten Bereichen zu schaffen, und Rechenschaft abzulegen über den erfolgreichen oder nicht erfolgreichen Prozess der Interrelationen. Es ist an ihr, „die Zeugin“ zu sein. Jedoch am Sichersten ist es, dass ich mich irre, oder in diesem Kartenspiel lediglich den „Joker“ offen gelegt habe, um zu fragen: „Warum so ernst?“

-*-

Was wollen wir? Der Schlüssel zur unterirdischen Botschaft des Zapatismus liegt in den kleinen Erzählungen über das Mädchen, das sich selbst „Defensa Zapatista“ (6) nennt, und die im Buch „Das kritische Denken im Angesicht der kapitalistischen Hydra“ auftauchen.

Sich das Folgende vorzustellen – weil es notwendig und dringlich ist – scheint unmöglich: Eine Frau, die aufwächst, ohne Angst zu haben.

Klar, jeder Ort und jede Zeit wird andere Ketten hinzufügen: Indígena, Migrantin, Arbeiterin, Waise, Vertriebene, Illegale, Verschwunden gemachte, subtile oder ausdrückliche Gewalt Erfahrende, Vergewaltigte, Ermordete – immer dazu verurteilt, ihrem Leben als Frau weitere Lasten und Bestrafungen hinzuzufügen.

Welche Welt würde von einer Frau geschaffen, die ohne die Angst vor Gewalt, Belästigung, Verfolgung, Verachtung, Ausbeutung geboren werden und aufwachsen könnte?

Wäre eine solche Welt nicht schrecklich und wundervoll?

Wenn sie mich – gespenstischer Schatten und impertinente Nase – irgendwann einmal bitten würden, das Ziel des Zapatismus zu definieren, dann würde ich somit sagen: „Eine Welt zu schaffen, in der eine Frau geboren wird und aufwächst, ohne Angst.“

Obacht: Ich sage nicht, dass es in dieser Welt bereits keine dieser Gewaltformen, die auf die Frau lauern, gibt (vor allen Dingen weil man diesem Planeten mehrmals ein Ende bereiten kann, jedoch nicht gleichsam dem Schlechten unserer Bedingtheit als Männer).

Ich sage auch nicht, es gäbe nicht bereits Frauen ohne Angst, deren Rebellinnentum diesen Sieg in der alltäglichen Schlacht erlangt hat und die wissen, dass sie Schlachten gewonnen haben. Aber nicht den Krieg. Nicht bis jegliche Frau in jeglichem Winkel der Zeiten und Orte der Welt ohne Angst aufwachsen kann.

Ich spreche von der Tendenz. Könnten wir behaupten, dass die Mehrheit der Frauen geboren werden und aufwachsen, ohne Angst? Ich glaube nicht. Wahrscheinlich irre ich mich, und sicherlich werden Zahlen, Statistiken, Beweise dafür, dass ich mich irre, einlaufen.

Jedoch in unserem begrenzten Horizont nehmen wir die Angst wahr: Angst weil klein, Angst weil groß, Angst weil schlank, Angst weil dick, Angst weil hübsch, Angst weil hässlich, Angst weil schwanger, Angst weil nicht schwanger, Angst weil Mädchen, Angst weil Jugendliche, Angst weil Erwachsene, Angst weil Alte (zu sein).

Lohnt es sich den Schritt, Leben und Tod, einzusetzen, in einem derartigen Hirngespinst?

Wir, Zapatistinnen und Zapatisten sagen, ja, es lohnt sich.

Und in das setzen wir das Leben, auch wenn es wenig ist; es ist alles, was wir haben.

-*-

Ja, du hast recht, es wird derjenige nicht fehlen, der uns als „naiv“ tadeln wird (bestenfalls; denn in allen Sprachen gibt es dafür gröbere Synonyme). /Dieses Textverarbeitungsprogramm, eine freie Software und ein offener Code, gefallen mir, denn jedes mal wenn ich „caso (Fall)“ oder „casos (Fälle)“ schreiben will, schlägt die Textkorrektur mir „caos (Chaos)“ vor. Ich glaube, die freie Software weiß mehr von verheerenden Stürmen als ich/.

Letztendlich, wo war ich? Ah!, die verloren gegangenen Worte, ihr Schiffbruch auf Papieren oder in Bites, die Pueblos originarios und die Kellergeschosse der Menschheit – umgewandelt zu einer Arche Noah, die Wissenschaften und die Künste als rettende Inseln, ein Mädchen ohne Angst als Kompass und Hafen…

Was? Ich stimme mit dir überein, das Resultat des Ganzen hat mehr von „Chaos“ als von „Fall“. Aber das hier ist lediglich ein Brief, der sich in einen kleinen Papier-Flieger verwandelt, so wie es alle Briefe tun sollten, ein kleines Papierflugzeug – mit der seitlich aufgemalten einschüchternden Aufschrift, „Zapatistische Luftwaffe“, das seinen Adressaten suchen wird. Weil, wer weiß, wo du dich herumtreibst, Juan, ‘Bruder unter Protest’. Wie sagten die Großmütter früher (ich weiß nicht, ob sie das heute noch tun): „Jetzt beruhige dich ‘mal, kleiner Kerl“, und zieh’ dir eine warme Jacke an, oder lass’ dich umarmen, denn es ist kalt „und das Thema, du weißt es ja bereits, ist der Regen.“

Aus den Bergen des Südosten Mexikos.

Subcomandante Insurgente Galeano.

Mexiko, Februar 2016.

Anmerkungen der ÜbersetzerIn:
(1) pueblos originarios: „originäre/ursprüngliche Gemeinden/Völker“
(2) im Original: „la tonelada“
(3) mutatis mutandi (latein.): „unter Abänderung des zu ändernden“
(4) „El Pensamiento Crítico Frente a la Hidra Capitalista – Participación de la Comisión Sexta del EZLN“: Das Buch wird in wenigen Monaten in deutscher Übersetzung erscheinen.
(5) rehacer: kann auch „aufmöbeln, kitten“ bedeuten
(6) Defensa Zapatista: „Zapatistische Verteidigung“

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