Anomalien und Normalitäten.
Oktober 2026.
Ihr wisst, es gibt eine Reihe von Redewendungen, Phrasen oder Handbüchern, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Zum Beispiel der Klassiker bei Trennungen: »Es liegt nicht an dir, sondern an mir.« Oder: »Was kümmert dich, ob ich ihn treffe?« Oder: »Zieh dir die Jacke an«, das kommt von den Mamas. Oder: »Oh, heilig‘s Göttle, die Außerirdischen haben meine Hausaufgabe mitgenommen, Frau Lehrerin«, dies von Studierenden aller Niveaus.
Es gibt auch die urbane Legende, dass diese Sätze sich in einem Lehrbuch befinden, welches bei Müttern, Jugendlichen und Kindern klandestin weiterverbreitet wird. Irgendwann einmal stimmt jedes urbane Menschenwesen diesen Lehrbüchern zu und erleidet danach das, was sich »selektiver Gedächtnisschwund, Amnesie« nennt. Sie besteht im Großen und Ganzen darin, dass wir vergessen, was uns nicht zusagt und nur das erinnern, was uns schmeichelt, begünstigt.
Im Politischen gibt es die Lehrbücher vom Handeln/ Was tun. Es gibt sogar ein Buch, das in der Linken wie Rechten studiert wird, das derart heißt: Handeln (*1). Es gibt auch Lehrbücher über öffentliches Sprechen, Beeinflussung von Menschen, Image-Handhabung, wie innerhalb der sozialen Netzwerke und während Präsidentschaften populär sein.
Damit Ihr mich versteht, die Lehrbücher sind im Wesentlichen die prähistorische Version der Lernprogramme. Darüber, darunter und innerhalb der Lehrbücher befinden sich die Redewendungen, die Phrasen. Werte und Bewertungen, die außer Frage stehen, befinden sich dort und erzeugen ihre Wirkungen im alltäglichen Leben.
Diese Redewendungen werden in Krisenzeiten von undefinierbaren (oder auch unhaltbaren und unaussprechlichen) Menschen hinterfragt, und manchmal erleiden sie auch eine Niederlage … jedoch nur dem Anschein nach.
Beispielsweise Phrasen wie: »Die Männer stehen über den Frauen.« Oder: »Das Heterosexuelle ist die Normalität; das Differente ist anomal, krank, verachtenswert, zu verfolgen.« Oder: »Die Indigenen sind kulturell zurückgebliebene Bevölkerungen und warten sehnsüchtig darauf, durch die Zivilisation gerettet zu werden.« Solche Wendungen werden heutzutage wohl kaum noch in Worten und öffentlich zum Ausdruck gebracht. Jedoch produzieren sie weiterhin ihre Effekte im Alltagsleben, in den Regierungsprogrammen, in den Parteistatuten, Verlagsrichtlinien, den Reality Shows wie den morgendlichen Pressekonferenzen [der mexikanischen Präsidentin], in den sozialen Netzwerken.
Im politischen Handeln gibt es jedoch zwei Phrasen, die wie alle Phrasen als naturgegeben, normal, und ewiglich auftreten:
Die eine besteht darin: Die Ungerechtigkeiten werden von oben bekämpft; daraus folgend: von oben her wird Gerechtigkeit geschaffen.
Die Andere lautet: Es ist möglich, die Dinge aus dem Inneren heraus zu ändern.
Da sich dort der Kern, der gordische Knoten der Politik befindet, wird somit zusammengefügt: Von innen und von oben, das wird uns gesagt: »Wir machen Politik, um an die Macht zu kommen und von oben her alle Probleme zu lösen«.
Und so werden alle Arten von Alibis konstruiert. In der babylonischen Bibliothek der nicht- existierenden Politikwissenschaften werden Besteller wieder aufgelegt oder neue erscheinen, welche in Wirklichkeit nichts anderes sind als aufgewärmte alte Titel; und es taucht ein neuer Wurf von Eingeweihten auf, die neue Spezialisten sind, nicht im Erklären der Realität sondern für die Konstruktion immer lächerlicherer Alibis und Ausreden.
So verschwinden und erscheinen erneut: Keynes, Marx, Lenin, Trotzki, Mao.
Es ist ersichtlich, es wird gesagt, es wird uns gesagt: Nur von oben und aus dem Inneren können die Dinge verändert werden. Deshalb muss dies das Ziel aller Revolutionen, Mobilisierungen, politischer Aktionen sein.
So werden politische Parteien, Aktionsprogramme, wahrhafte Wechsel, ideologische Dogmen, Verlagsseiten, Justizkonferenzen, all-included Reisen zum jeweilig angesagten erträumten Paradies (China ist also heutzutage in Mode) gemacht; historische Ausgaben, damit die Nahestehenden zu den Protagonisten werden und nicht diejenigen, die im Kampf alles gaben.
Hier muss anerkannt werden, dass die Religion, im Unterschied zu den politischen Doktrinen, die einzige ist, die zugibt und ausdrücklich erklärt, dass ihre Dogmen Dogmen sind: Dogmen des Glaubens, wird uns gesagt. Die Religion ist da ehrlicher als jeglicher ideologische Entwurf.
Die Politik nicht. Sie verkleidet ihre Dogmen als wissenschaftliche Analyse. Als ernsthafte Studien, eine Menge an Fußnoten, augenscheinliche Popularität. Deshalb ist die Künstliche Intelligenz nicht so sehr intelligent, denn sie wurde nach dem Bild und der Ähnlichkeit des Dominus, des Herren, des Befehlshabers geschaffen
Die Parole lautet: Die Phrasen wiederholen, bis zum Rülpsen. Darum ist das kritische Denken so unpopulär, weil es eben kritisch ist.
Denn in allen Klöstern der Realpolitik bedeutet Hinterfragen Ketzertum und Blasphemie. Und Holzkreuze gibt es deshalb nicht [mehr], weil dafür sind [nun] die sozialen Netzwerke da – denen heutzutage die traditionellen Medien ihre Rolle als Ankläger, Richter und Henker von Nicht-Anhänger*innen neiden.
Ich weiß jetzt nicht, früher wurde gewöhnlich auf das Argument: »Magister dixit« zurückgegriffen. »Magister dixit ergo verum es«, bedeutet so etwas wie: »So sagte es der Meister/ Lehrer, deshalb ist es Wahrheit.«
»Dominus est«, »er ist der Herr«, werden sie erklären. Und der »Dominus« hat Gesicht und Name: Musk, Trump, AMLO [Andrés Manuel López Obrador], Salinas de Gortari, Salinas Pliego, Bolsonaro, Putin, Selenskyj, Netanjahu, Hamas, der jeweils aktuelle Ayatola des jeweilig aktuellen Fundamentalismus.
Alle stimmen darin überein, dass nur eine nach ihrem Bild und ihrer Ähnlichkeit geschaffene Welt möglich ist. Eine durch ein Denken – das einzige und wahre Denken des Dominus, Herrn und Befehlsgebers – homogene, hierarchische und hegemonisierte Welt.
Offenbar ist auch, dass genau dieses Vorhaben alle Positionen der vergangenen wie zukünftigen Rechten durchzieht. Nicht offenbar ist jedoch, wie die Linken diesen Entwurf zu den ihren gemacht haben und ihren Triumph (in Großbuchstaben: TRIUMPH) begreifen als die Erstürmung des Winterpalast, den ersten Platz bei den Umfragewerten, den ungeteilten Applaus, die Kandidatur, den bezahlten Leitartikel, den Popularitätsindex. Das bedeutet, der Erfolg in der Politik liegt in der Vernichtung des Anderen, des Differenten.
Für die Linken ist das Ziel, die Macht zu übernehmen und alles aus dem Inneren und von Oben zu verändern. Und es ist dieser Augenschein, der sie an der Nase führt, um Entwürfen entfernter Geographien und Kalender sowie konträr-kontradiktorischen Art und Weisen hinterherzulaufen und zu umarmen. Mehr hier als dort liegen da beispielsweise die US-amerikanische Republikanische Partei und die Kommunistische Partei Chinas. Innerhalb der Linken bedeutet eine »multipolare« Welt folgendes: ein einfaches oder komplexes Gleichgewicht zwischen rivalisierenden Homogenitäten.
Aber es gibt für alle Geschmäcker und für alle Avantgarden etwas. Es werden diejenigen nicht fehlen, die Milei als Propheten unserer Zeit, Putin als kahlköpfigen Lenin, Netanjahu als Moralprediger, Trump als Visionär einer neuen Weltordnung, Temu als ein Beispiel für einen Handel der Klasse [von unten] und die 4T als eine wirkliche Transformation ansehen.
Jedoch letztendlich, ich weiß, ich trage Eulen nach Athen, und ihr könnt sagen, auch das sind Offenkundigkeiten (obzwar ich einlade, sie mit kritischem Denken zu hinterfragen). Je nachdem ist es aber relevant oder gehört zur Sache, weil es nicht die einzigen Phrasen darstellen, die die unterschiedlichen Farben des politischen Spektrums miteinander teilen.
Sie haben auch gemein, dass sie das Verschwundenmachen, die Morde, die geschlechtsspezifische Gewalt, die altersbasierte Gewalt, die rassistische Gewalt, die sprachbasierte Gewalt, die Kriege, die Ungerechtigkeiten und Verbrechen im allgemeinen als ANOMALIEN des Systems, welches auch immer es sei, behandeln.
Alle bieten an, diese Anomalien aufzulösen, und vielleicht werden sie dabei entdecken, dass die Verbrechen die Normalität eines Systems darstellen. Doch sie behandeln jene weiterhin so, als wären es Anomalien, Mängel, die korrigiert werden müssen. Und sie versprechen, dem abzuhelfen.
Jedoch, Freunde und Feinde, die …
Verletzung der Menschenrechte.
Das gewaltsame Verschwundenmachen.
Der Rassismus
Die Ausbeutung.
Das Patriarchat.
Die Repression.
Die geschlechtsspezifische Gewalt.
Die Diskriminierung und Intoleranz.
Der Raub und die Enteignung.
… sie sind dem System inhärent. Sie sind kein Bruch oder ein unerwünschtes Einbrechen in die Normalität der Matrix des Systems. Nein, sie sind sein essentieller Teil, sein Fundament.
-*-
Trotzdem, von Zeit zu Zeit, taucht etwas auf, das diese Augenscheinlichkeiten, diese Phrasen hinterfragt, die Mächtigen entblößt und die Realität konfrontiert.
So wie es jetzt die Kollektive, Gruppen, Organisationen tun, die Wahrheit und Gerechtigkeit für die Vermissten suchen.
»Die Sucherinnen«, so sagen wir, die zapatistischen Pueblos, zu ihnen.
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Während den Katastrophen, wenn es scheint, der Alptraum gibt eine Pause, wird unter den Trümmern und Ruinen Leben gesucht. Besser ausgedrückt: nach Lebenszeichen gesucht.
Beim Wegräumen von Steinen, zerbrochenen Mauern, Balken, Streben pflegen diejenigen, die suchen, die Faust zu heben und um Ruhe zu bitten, wenn sie glauben, es gibt ein Lebenszeichen. Die erhobene Faust multipliziert sich bei den Zuschauenden und denen, die auf ihren Such-Einsatz warten.
Es gibt keine Worte, die erhobene Faust jedoch verlangt Stille. Sie drückt aus: »Mir scheint, ich habe etwas gehört, bleibt still, um gut zu hören, vielleicht gibt es Leben unter diesen Trümmern.« Und alle schweigen. Von dieser Stille hängt das Hören ab, vom Hören das, was folgt, vom Weitermachen ein Leben.
Somit verwandelt sich ein einsames, anachronistisches, vielleicht absurdes Handeln in Gemeinschaft.
Die Einsamkeit der*desjenigen, die*der die Faust hebt, während sie*er zwischen den Trümmern des Krieges Leben sucht, wird zu Gemeinschaft. Es gibt keine Differenzen der Klasse, Hautfarbe, Ethnie, Kalender, Modi, Geographie.
Die Stille hat sich in eine Gemeinschaft gewandelt, die Leben erwartet, erhofft, wenn keine*r an Leben glaubt.
Im gegenwärtigen Weltkrieg – der zum Ziel hat, die Menschheit von all dem Differenten, dem Verachteten weil Verschiedenen, dem Wegwurf weil Unnützen, zu säubern – erheben die Sucherinnen die Faust. Sie fordern Stille und Respektierung ihrer Arbeit, denn sie tun nichts anderes als Leben suchen.
Und dieser Akt, dieses Handeln, die Lebenssuche – scheinbar unnütz, einsam, töricht und unbeachtet – sucht nicht nach Posten, Lohn, Anerkennung, Trophäe, Titelseite. Nein, mit Schaufeln, Spitzhacken, Stöcken und Fingernägeln wird der*diejenige gesucht, die*der vermisst wird, die*der fehlt.
Und unsere Antwort auf dieses Unterfangen – das heroischste, menschlichste, größte der Jetztzeit – ist eine Umarmung.
Denn ich weiß nicht, ob Ihr – wir aber, die zapatistischen Gemeinden, umarmen mit der Stille diejenigen, die wir bewundern, respektieren und lieben.
Jede ehrliche, menschliche Person sollte die Notwendigkeit spüren, die Sucherinnen zu umarmen.
Und nicht nur, weil ihre Existenz die Gewissheit gibt, dass es immer noch welche gibt, die sich nicht ergeben, sich nicht verkaufen und nicht aufgeben. Wir sollten es tun, denn vielleicht unter den Trümmern des Unglücks – im Dunklen verzweifelt Luft und Staub einatmend, darauf wartend, dass sie uns suchen und finden – sind wir Ihr.
Danke, Sucherinnen, für das Zuhören, erhaltet unsere Umarmung in der Erwartung, sie persönlich zu geben.
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PS. Ixmukané und die Chauffeurologische Gemeinschaft.
Hatten die ersten Götter, die die Welten erschaffen haben, eine Hierarchie? Gab es einen, der mehr, der besser, der erster war? Wir wissen es nicht. Und wenn wir sagen: »Ixmukané, die allererste«, beziehen wir uns nicht auf ihre Macht, ihre Weisheit oder ihr Alter, sondern auf den Raum, den sie in unseren Geschichten einnimmt. Ixmukané ist die Mutter, die Erde, die Vorfahrin, die Erste dessen, was wir sind. Ich erinnere mich nicht einmal, in welchem Augenblick sie in den Geschichten auftauchte, die der Alte Antonio mir mit Hilfe des Lagerfeuers und des Tabaks erzählte, nicht um mich zu lehren, zu sein, sondern mich zu lehren, das Andere zu verstehen.
Soweit ich mich erinnere und immer gemäß des Alten Antonios, waren die ersten Götter nicht hierarchisch organisiert, die Pyramiden waren noch nicht erfunden, die in Wirklichkeit von den jeweiligen Befehlsgebern erdacht wurden: Sie täuschten vor, die Götter zu ehren und ehrten sich damit selbst.
Letztendlich der Punkt ist, gemäß Ixmukané standen die Götter sich gleich, ja, sie waren organisiert, aber nicht für: wer mehr, wer weniger, sondern für: wer, welche Sache. Klar, dass sie einige Dinge, die sie als die wichtigsten betrachteten, gemeinsam entschieden, und klar, gab es dann ein Durcheinander. Als sie zum Beispiel die Vögel schufen, ist klar zu sehen, dies war gemeinsam, und deshalb gibt es so viele Farben und Gesänge. Na klar, dasselbe kann von den Pflanzen und den anderen Tieren gesagt werden.
Und von den Menschenwesen.
Nun gut, mensch könnte denken, die Schöpfungen haben sie gemeinsam entschieden, und danach hat einer, eine der Göttinnen sich darum kümmert, wie so gesagt wird, Form, Farbe und Gestalt zu geben.
Aber nun, da die allerersten Götter die ersten waren, hatten sie nichts, woher sie das Wissen nehmen konnten: was ja, was nein, was besser, was schlechter. Somit, sagen mir mal, kamen die Dinge so heraus, wie sie ihnen in den Kopf, nun, in ihr Denken gelangten.
Nun ja, vielleicht erzähle ich Euch das ein anderes Mal, wenn es möglich und angebracht ist. Was uns jetzt angeht und beschäftigt, ist das, was Ixmukané erschuf.
Gemäß der Übereinkunft der gemeinsamen Götter-Hauptversammlung sollte jegliches, wie so gesagt wird, ausgeglichen geschaffen werden, mit seinen Pro und Contra. Das heißt, seinen guten und schlechten Seiten. Somit ist jede Kreatur weder vollkommen gut noch vollkommen schlecht. Ixmukané traf es, die Männer und Frauen zu machen. Die Otroas-die AnderEn waren ein Gedanke Ixmukanés, dazu gab es keine Übereinkunft. Nicht weil die anderen Götter dagegen waren, sondern weil sie sich nicht vorstellten, es existierten welche, die weder die Eine noch der Andere sind.
Als die ersten Mais-Menschen erschaffen wurden, sagten sie Ixmukané, sie müsse ihnen auch das Schlechte schaffen: das konträr-kontradiktorische. Und Ixmukanés Trick bestand darin, den aus Mais geformten Männern, Frauen und Otroas-AnderEn all jene Tugenden zu verleihen, die später als »menschliche Tugenden« bekannt werden sollten.
Die Versammlung der gemeinsamen Götter dachten, es sei so nicht richtig, dass nur eine Seite verbleibt. »Denn, nehmen wir mal an«, so sagten die Götter, »es zieht ein langweiliger, ernster, bitterer und perverser Gott los und pflanzt nur die schlechte Seite in das, was er erschafft. Einer, der nicht wie wir ist, die wir fröhlich, vergnügt, Tänzer und Zauderer sind«, meinten die ersten Götter. Und um ihre Argumentation zu stärken, fingen sie an, das, was später als »Cumbia vom Gemeinschaftlichen« bekannt wurde, zu tanzen.
»Ich verstehe«, gab Ixmukané zur Antwort, »wir erschaffen nicht einfach eine Welt, die bereits fertig ist, sondern die Grundlage für viele Welten, die in Bewegung sind. Somit müssen wir auch die schlechten Dinge einsetzen. Damit die Menschenwesen entscheiden können, indem sie das Differente kennen.
Damit verstanden wird, dass – wie schlimm die Dinge auch sein mögen, wie imposant und unzerstörbar etwas auch erscheinen mag, wie normal und unbestreitbar es sich auch zeigt – es immer die Möglichkeit von etwas anderem gibt, einer anderen Welt, einer anderen Form zu sein, einer anderen Form sich in Beziehung zu setzen.«
Ixmukané war weise … und listig. Somit fügte sie denjenigen, die die Welten bewohnten, etwas hinzu, was ihnen erlauben würde, vielleicht das Schlechte zu kontrollieren und das Gute zu vergrößern. So war es, dass Ixmukané in Männer, Frauen und Otroas-AndEren … die Gemeinschaft säte.
Zum Beispiel:
Es gibt künstlerische Gemeinschaft.
Es gibt Goku-Gemeinschaft, an der Ecke der Knights of Zodiac, von Sailor Moon, den Powerpuff Girls und etwas namens Mazinger Z (*2).
Es gibt wissenschaftliche Gemeinschaft.
Es gibt Otroa-Gemeinschaft.
Es gibt Originari@-Gemeinschaft.
Es gibt chauffeurologische Gemeinschaft.
Es gibt Gemeinschaft, weil sie etwas gemeinsam haben. Sei es ihr Interesse, ihre Arbeit, ihr Wissen, ihre Geschichte, ihre Sprache, Art und Weise, Geographie, Kalender, Ziel.
Auch der Schmerz, der Kummer, das Leiden schafft Gemeinschaft.
Und die Mächtigen haben ihre Gemeinschaft: die Gemeinschaft des Gewinns, die Gemeinschaft des Krieges, der Zerstörung, des Todes.
Und jede Gemeinschaft schafft ihren Modus, ihre Organisierungsform.
Beispielsweise als chauffeurologische Gemeinschaft, die wir sind, werden wir rechtzeitig Tag und Uhrzeit bekanntgeben, an denen wir von hieraus, dem CIDECI, nach Mexiko-Stadt losfahren.
Und wir werden das tun, damit die Brüder und Schwestern Chauffeurologen wissen, dass wir da sein werden und sie Vorsichtsmaßnahmen treffen können, denn es werden eine Menge Busse unterwegs sein und, tja, die machen halt immer viel Gedränge und Lärm auf der Straße.
Und was, wenn die Chauffeurologie-Brüderschaft erzürnt und veranlasst, die Gemeinschaft der Minz-Verleumder zu bilden, die nicht mit Pfefferminz lügen sondern von anderer Art.
Die chauffeurologische Gemeinschaft wird nun also wissen, dass wir etwas noch Ausstehendes erfüllen werden, und dieses Ausstehende ist eine Umarmung; und diese Umarmung ist für unsere Mütter Sucherinnen. Der SubMoy sagte ja bereits, wir sind ihre Töchter und Söhne, und klar, es fehlt noch zu sehen, ob sie akzeptieren, unsere Mütter und Väter zu sein. Denn weder sind wir alle schön noch hübsch, deshalb gehen wir als Menge, denn so wird nicht bemerkt, wer hübsch, hässlich, ein*e Schöne*r, wer dick, dünn, groß, klein, zinken-nasig, stups-nasig, klar-äugig, schief-äugig, hunde-pfotig ist.
Und ich glaube, ja, sie werden uns adoptieren, denn es genügt ja zu kalkulieren, wie viele Geschenke sie dann zu Muttertag und Vatertag erhalten werden. Und sie werden mit den Geschenken zufrieden sein, die wir ihnen jetzt mitbringen werden und die wir gerade herstellen.
Wenn sie uns also akzeptieren, bekommen sie nicht nur Beleidigungen [von anderen], sondern auch Geschenke. Und wer weiß, vielleicht kommt das Geschenk ja unversehrt an, geht also auf dem Weg nicht kaputt. Keine Sorge, wir bringen Kleber, Klebeband, Nadel und Faden mit, um es zu reparieren – und wie unser Herz es möchte, wie unsere Umarmung, wird es vollständig ankommen – denn jede*r Zapatista, der*die Euch umarmt, wird Tausende sein, die in ihm, in ihr, in ihr*ihm Euch umarmen.
Das heißt, es wird ein großes Umarmen sein, sodass die Sucherinnen sagen werden, sie sind dermaßen schön umarmt worden, mit einem Male, es ist einfach nicht zu glauben.
Und es werden so viele Umarmungen sein, dass sie genügen und reichen für ihre Vermissten, denn es werden Wahrheit und Gerechtigkeit kommen. Und falls nicht, dann müssen sie hergebracht werden, selbst wenn es dabei mit Schubsen und Beleidigungen zugeht, die nicht ohne sind, denn für dies gibt es Mütter, Väter, Angehörige und Freundschaften, die Wahrheit und Gerechtigkeit suchen.
Und plötzlich versteht die chauffeurologische Gemeinschaft und hört zu, und flucht nicht nur nicht, sondern lässt ihre Hupe, ihr Horn, oder wie auch immer es genannt wird, ertönen, und wir rufen dem Fahrer zu, er solle aufpassen, weil ein Lkw mit schlechter Laune kommt, aber dann heißt es: Nein, es ist keine schlechte Laune, und der Chauffeurologe am Steuer winkt. Denn es gibt Gründe, Motive oder Anliegen, die eine menschliche Gemeinschaft schaffen sollten: wie die der Suche und des Findens von Wahrheit und Gerechtigkeit – dabei spielt es keine Rolle, wo mensch sich befindet und in welchem Kalender, weder der Modus noch ob eine*r teilweise oder vollständig dazugehört.
Und so wird es mit der künstlerischen Gemeinschaft weitergehen, der wissenschaftlichen Gemeinschaft, der studentischen Gemeinschaft, der Lehrer*innen-Gemeinschaft, der Otroas-Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Angestellten, der Arbeiterinnen, der Kleinbauern, Pueblos originarios, der ambulanten Händler*innen, nicht automatisierten Kassiererinnen und Kassierern, der Kinder-Gemeinschaft, der Jugendlichen-Gemeinschaft, der Erwachsenen-Gemeinschaft, der Alten-Gemeinschaft, und so weiter.
Nun, stellt Euch die Bande aus dem Stadtteil vor, die sagt und sich sagt: »Na los!« »Wohin denn?«, werden ein paar Desorientierte fragen. Und die Bande gibt zur Antwort: »Nun, eine Umarmung geben, die noch aussteht, und wir sind schon spät dran.«
Denn es gibt Anliegen, die nicht nur die einer spezifischen Gemeinschaft sind; die Suche von Wahrheit und Gerechtigkeit haben wir unverantwortlicherweise nur auf den Schultern dieser Gruppen, Kollektive und Organisationen lasten lassen. Das ist nicht richtig, denn das Finden von Gerechtigkeit, das Finden von Wahrheit ist eine Sache der menschlichen Gemeinschaft.
Und dies versteht jede ehrliche und halbwegs intelligente Person. Obzwar, na klar, das lässt die gesamte politische Klasse außen vor, seien sie Rechte, Linke, Liberale oder Konservative, Ultras oder Mittelweg, weder Fisch noch Fleisch: Sie sind weder ehrlich noch halbwegs intelligent.
-*-
Warum sind wir zu dem gelangt, eine Frage wie »Wo sind sie?« habe so viele Implikationen, Adressaten, Absender, Umleitungen, Antworten – so abwesend wie die eingeforderten Präsenzen/ das Wieder-Dasein?
Dies sagte nicht Ixmukané, sondern sagen wir, die zapatistischen Pueblos: Es ist nicht selten, dass aus dem Schmerz Hoffnung entsteht. Und die Colectivos, Colectivas, Gruppen und Organisationen derer, die Wahrheit und Gerechtigkeit für ihre Vermissten suchen, haben etwas sehr Wichtiges gefunden, und haben uns den Glauben an die Menschheit, die Menschlichkeit zurückgegeben.
Somit, wie wer sagt, resümierend: Wir werden uns mit den Sucherinnen treffen, für etwas so Grundlegendes und daher Vergessenes: Wir werden ihnen »Danke« sagen.
Von Herzen, Gedanken und Aktion: Danke.
Denn keine*r ist frei von der Bedrohung eines gewaltsamen Verschwundenmachens, einer ungestraften Ermordung, einer ungerechten Einknastung, einer Gewalt, die dermaßen alltäglich ist wie Verkehrschaos, Zahnschmerzen, Überschwemmungen, Erdbeben, Flutwellen.
Denn das ist die größte Errungenschaft des Systems und seiner Zivilisation: Es ist ihm gelungen, aus dem Unglück etwas Alltägliches zu machen.
Wir als zapatistische Gemeinden wissen, was das bedeutet.
Und wir, die zapatistischen Pueblos, wissen, es ist möglich, in diese grausame und verrohte Alltäglichkeit einzubrechen, sie zu durchbrechen, und dann festzustellen, nichts ist zu Ende, sondern es wurde gerade ein Beginnen erlangt – und in diesem Anfang, dem Tag Danach, gibt es die Wahl: Wiederholen wir Modi und Überzeugungen … oder versuchen wir, etwas anderes zu schaffen?
»Der Tag Danach«, sagen wir, die zapatistischen Pueblos, dies nicht als ein apokalyptisches Ende gemeint sondern als die Herausforderung anzufangen – indem entweder dasselbe wiederholt oder etwas anderes geschaffen wird.
Der Tag Danach ist eine Gelegenheit, eine Möglichkeit. Wir müssen uns nicht nur darauf vorbereiten, die Katastrophe zu überleben, sondern uns auch vorbereiten, eine andere Welt zu schaffen, eine menschlichere, nicht perfekte, aber das ja: eine gerechtere.
Und diese andere Welt wird, unter anderen Dingen, wegen den Sucherinnen möglich sein.
Denn so sagte Ixmukané, die allererste der Mütter Sucherinnen: Wo immer etwas verloren geht und fehlt, gibt es auch eine*n, die*der sucht und findet.
Und genau darum geht es, Freund*innen und Feind*innen: zu suchen, immerzu zu suchen … um zu finden und uns zu finden, uns zu treffen.
Wenn dies nicht die Sexta (*3) und die Erklärung für das Leben bedeuten, nun, dann wäre es vergeblich, Compas.
Danke, Gemeinschaft der Sucherinnen.
Der Capitán.
Oktober 2026.
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Anmerkungen der_die Übersetzer_in:
(1) Im Original steht: »El qué hacer« und nicht: »Qué hacer«, somit ist wohl nicht Lenins: »Was tun?« gemeint, das im Spanischen den Titel trägt: »Qué hacer«, oder?
(2) Das sind alles Manga-Serien.
(3) Sexta: Sechste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald; wie auch das Bündnis der Sexta, das auf dieser Erklärung basiert.
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